Neues Welterbe für Deutschland: Haithabu und Danewerk

„Vikings“-Fan? Dann ist das neue deutsche Welterbe perfekt für euch. Denn laut der UNESCO ist es ein „einzigartiges Zeugnis der Wikingerzeit“. Ich war ganz im Norden Deutschlands, wo Schleswig und Skandinavien miteinander verschmelzen, und habe mir die versunkene Welt von Haithabu und Danewerk angesehen. Dabei habe ich das ein oder andere TV-Urteil revidiert, denn die Wikinger waren nicht nur marodierende Horden, sondern auch erfolgreiche Händler und geschickte Handwerker. Hier kommen meine Tipps für einen Wochenend-Trip in die Wikingerzeit.

Danewerk

Neue Sicht auf die alten Wikinger

Dicht an dicht wachsen die Halme am Ufer der Schlei. Ein langer Holzsteg ragt tief ins Wasser. Und ein kleines Ruderboot schaukelt sanft auf dem Meeresarm der Ostsee. Der idyllische Platz, an dem die Wikinger Haithabu errichteten, ist strategisch gewählt. Denn hier reicht die Schlei am weitesten ins Landesinnere hinein. Nach nur 16 Kilometer Landweg waren die Wikinger schon wieder am nächsten größeren Fluss, der in die Nordsee mündet. Also: der perfekte Umschlagplatz zwischen der Nord- und Ostsee.

Heute verläuft an dieser Stelle der Nord-Ostsee-Kanal – die meist befahrene künstliche Schifffahrtsstraße der Welt. Und auch die Wikingerroute war damals enorm erfolgreich. Waren und Menschen aus aller Welt gelangten auf ihr nach Haithabu.

Welthandel, dank der Wikinger

Haithabu war damals so bedeutsam, wie es Hamburg oder Rotterdam heute sind. Um 770 gegründet, wuchs die Siedlung schnell zu einer mittelalterlichen Stadt. Mit Straßen, Wohn- und Gewerbegebieten. Wuchtige Schwerter wurden hier genauso geschmiedet wie filigraner Goldschmuck. An den Handelsplatz grenzt das mächtige Danewerk, ein Verteidigungswall, der an den berühmten römischen Limes erinnert.

Wenn ihr die beiden Orte besucht, bekommt ihr eine ganz neue Sicht auf die Wikinger. Und erlebt, wie eng Landschaft und Geschichte miteinander verbunden sind. Denn noch heute prägt das Danewerk die Landschaft. Wie Wellen türmen sich die Erdhügel des Walls in dem ansonsten flachen Land auf. Der Himmel darüber strahlt in einem intensiven Blau. Die Luft ist klar und frisch und die Gegend menschenleer.

Spannendes Freilichtmuseum

Holz splittert. Ein Mann atmet schwer, wischt sich den Schweiß von der Stirn und schwingt dann erneut das große Beil. Der Mann ist Reinhard Erikson. Und die Axt ein sogenanntes „Behaubeil“, mit dem die Wikinger Balken und Planken bearbeitet haben. Der gelernte Tischler nutzt nicht nur die Werkzeuge der Wikinger, er kleidet sich auch so – zumindest während seiner Dienstzeiten im Museum.

Lederschuhe, Wollhose, Tunika und Filzkappe – in dieser Montur arbeitet Reinhard Erikson werktags von 9:00 – 17:00 Uhr in der Mittelalter-Welt. Die sieben Häuser des Freilichtmuseums sind detailgenaue Nachbauten der historischen Wikinger-Behausungen. Ein Haus steht sogar am Originalplatz, an dem es gefunden wurde. Alle Dächer sind aus Reet – einem Material, das am Ufer der Schlei jedes Jahr nachwächst. Im Freilichtmuseum könnt ihr Handwerkern über die Schulter schauen. Sängern und Geschichtenerzählern lauschen. Und eine Landschaft erleben, die sich in den letzten Jahrhunderten kaum verändert hat.

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Landschaften, wie gemalt

Rund ein Kilometer trennt die Außenanlage vom eigentlichen Museum. Ein schmaler Kiesweg verläuft in Serpentinen durch sattgrüne Wiesen. Auf ihnen grasen heute wieder die gleichen Tiere wie im Mittelalter: robuste, rotbraune Hochlandrinder und Walachenschafe mit ihrem langen, dichten Fell. Das ist Teil des Museumskonzepts. Und für Besucher ein wirklich schönes Erlebnis, denn sie wandern durch eine Landschaft, die so auch die Wikinger erlebt haben.

Ein Tipp am Rande: So menschenleer der Rad- und Wanderweg entlang des Danewerks i.d.R. ist, so gut besucht ist das Freilichtmuseum häufig. Für euren Besuch von Haithabu und Danewerk empfehle ich euch deshalb einen entspannten Wochentag, außerhalb der Ferienzeiten. 🙂

Wer waren eigentlich die Wikinger?

Die wilden Wikinger als Gärtner und Goldschmiede? Wer bisher nur von den Kriegs- und Beutefahrten der Nordmänner wusste, bekommt in Haithabu eine ganz neue Sicht auf die vermeintlichen Schurken des Mittelalters. Die Wikinger waren übrigens keine einheitliche Ethnie – vielmehr schlossen sich Männer aus ganz Skandinavien temporär zusammen und gingen gemeinsam auf Beutezug. Die große Mehrheit der Dänen, Schweden und Norweger aber blieb zuhause. Baute Lebensmittel an. Oder handelte mit dem Rest der damals bekannten Welt. Im Museum von Haithabu sind wertvolle Originalfunde ausgestellt, die das ganze Ausmaß ihres  Welthandels zeigen.

Wikingermuseum mit Schätzen aus aller Welt

Wenn ihr das Wikingermuseum betretet, wird Haithabu lebendig – durch tausende Ausgrabungsstücke: Werkzeuge wie das Behaubeil von Reinhard Erikson. Dickbäuchige Amphoren, in denen Wein lagerte. Und reiche Grabbeigaben, die an Pharaonengräber erinnern – obwohl erst fünf Prozent der Gesamtfläche erforscht sind, ist die archäologische Ausbeute bereits gewaltig. Um 1900 begannen Wissenschaftler in Haithabu zu graben; zuvor war lange gerätselt worden, wo die Stadt tatsächlich gelegen hat. Heute gehen die Archäologen davon aus, dass zur Blütezeit 1.500 Menschen in Haithabu lebten.

Sklavenhandel in Haithabu

Die weit verzweigten Handelsbeziehungen, die in Haithabu zusammenliefen, reichten von Bukhara im heutigen Usbekistan, über Byzanz nach Schweden und Norwegen. In einem großen, gläsernen Würfel wird all das dargestellt. Ihr könnt ihn betreten und erlebt das breite Warenangebot der Wikinger fast wie in einem modernen Kaufhaus. Insgesamt 4.000 Ausstellungsstücke zeigen das Leben der Nordmänner. Darunter kostbarer Goldschmuck, bunte Glasperlen und feingearbeitete Gewandnadeln. Die Oberschicht der Wikinger wusste zu leben. Und ließ für sich arbeiten – Haithabu war auch ein bedeutender Umschlagplatz für den Sklavenhandel.

Über die Seidenstraße nach Schleswig

Runensteine, die in Haithabu gefunden wurden, künden vom Leben der Reichen und Mächtigen. Die wuchtigen, grauen Steine sind mannshoch. Auf ihrer rauen Oberfläche sind dutzende Zeichen eingraviert. Errichtet wurden sie ausschließlich von der Oberschicht. Und auch nur diese gebildete Schicht war in der Lage, die Runen zu lesen. Neben den gewaltigen Steinen haben mich Bergkristalle besonders beeindruckt, die aus Zentralasien nach Schleswig gelangten – wahrscheinlich über die Seidenstraße.  Das passierte im früher Mittelalter im sogenannten Tröpfelhandel: Die Händler reisten immer nur auf den Strecken, die sie kannten. Und dort trafen sie wieder andere Händler, die ihnen aus anderen Richtungen entgegen kamen. So konnten Waren von einem entlegenen Ort wie Bukhara bis nach Schleswig gelangen.

Der Untergang der Wikingerwelt

Ganz am Ende des Museumsrundgangs wird der Untergang der Wikingerwelt von Haithabu dargestellt. In der riesigen Schiffshalle steht ein über 30 Meter langes Kriegsschiff, das im Hafen von Haithabu gefunden wurde. Das Schiff ist vor über 1.000 Jahren brennend gesunken und wurde erst 1979 ausgegraben. Dunkel schimmern die Planken aus Eichenholz. Elegant biegen sie sich um den schmalen Schiffsbauch. Auch als Wrack ist das Schiff noch beeindruckend. 1066 fand der Überfall slawischer Truppen statt – er bedeutete das Ende von Haithabu und der Wikingerzeit in Schleswig.

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